Home arrow Berichte arrow „This is the moment“ – Musical in Concert
„This is the moment“ – Musical in Concert
Geschrieben von Sanne   
Montag, 22. September 2008

20. September 2008, Magdeburg, Opernhaus
mit Kevin Tarte, Michaela Kovarikova, Marc Seitz, Tabea Scholz, Tamara Weimerich 

Was für ein Abend! Wie soll man ein großartiges Erlebnis, das über Stunden im Körper tobt und wo man noch Tage danach das Gefühl hat, aufstehen, applaudieren und „Bravo!“ rufen zu müssen, nur mit Worten beschreiben, so dass andere es nachvollziehen können? Ich kann es nur versuchen … und muss um Nachsicht bitten, dass ich unmöglich einen sachlichen Bericht verfassen kann.

Am 20.9. war es endlich soweit – ich sollte Kevin endlich, Monate nachdem ich ihn zum ersten Mal über den Monitor singen sah und hörte, live auf der Bühne sehen. Es war für mich unfassbar noch bis zu dem Moment, in dem er die Bühne betrat. In einem wunderbaren Theatersaal wartete ich über die Maßen aufgeregt, gespannt und in kaum ermesslicher Freude auf den Beginn der Gala. Als ich den winzigen Abstand von der ersten Reihe zur Bühne sah, wurde mir erst so richtig bewusst, dass er in wenigen Augenblicken hier leibhaftig ganz nah vor mir stehen und singen würde. In einem kleinen Anflug von Panik fragte ich zu Steffi rüber, dass er sich doch bestimmt in der Mitte der Bühne aufhalten würde und nicht bis nach vorn an den Bühnenrand käme? Steffi bestätigte mir das mit beunruhigendem Sarkasmus … Nein, Kevin hielte sich grundsätzlich nur im hinteren Teil der Bühne auf und käme ganz bestimmt nicht nach vorn ;-) Aber da wurde schon eine Nebelmaschine kurz angetestet, und allein das ließ mir das Herz bis zum Hals schlagen – wusste ich doch, dass die Gala mit drei Titeln aus „Tanz der Vampire“ beginnen sollte.

Aber dann ging es Schlag auf Schlag – die Band betrat die Bühne und nahm Platz, begleitet von Applaus, und dann erklangen ein paar Takte aus der Ouvertüre. Mir stellten sich gleich die Härchen auf, hatte ich diese Musik doch seit Monaten nicht mehr live gehört. Dann erschien Kevin auf dem hinteren Teil der Bühne und sang „Guten Abend, hab vor mir keine Angst….“ – die „Einladung zum Ball“. Dass diese Worte auch beruhigen können, war mir neu und sicher von Michael Kunze niemals beabsichtigt ;-) – aber zusammen mit seinem Erscheinen auf dem hinteren Teil der Bühne und nicht gleich ganz vorn hatte ich Gelegenheit, mich etwas zu fassen und mich langsam daran zu gewöhnen, dass hier erstens Kevin Tarte leibhaftig singt und zweitens meine liebste Rolle aus meinem liebsten Musical. Was soll ich sagen … es riss mich immer hin und her – Kevin … Tarte? – Kevin …von Krolock? Er trug weder das Kostüm noch die komplette Maske, aber allein schon die langhaarige, zusammengebundene Perücke und die unübersehbar langen Eckzähne ließen ihn sich – und das war die Hauptsache – zusammen mit seiner Mimik und seiner so wundervollen, überzeugenden Gestik sofort in den jahrhundertealten untoten Grafen verwandeln. Und er sang, wie ich es, obwohl schon oft von ihm gehört, mir niemals vorstellen konnte – so verlockend, so geheimnisvoll, so kraftvoll. Mit einer Stimme und Mühelosigkeit in ihrer Kraft, die mich einfach nur umgehauen hat. Die Mimik war ganz unglaublich, wenn er seine Augen erstarren lässt und aufreißt und dazu die langen Eckzähne blitzen, vergisst man ganz und gar, dass man hier einen Sänger vor sich hat, sondern ist gänzlich in seiner Rolle gefangen. Da braucht es kein Bühnenbild und kein Kostüm.

Nach einem tollen Applaus im Saal ging es weiter mit „Die unstillbare Gier“. Eine weitere Glanzleistung, von der noch einige folgen würden. Kevin sang die „Gier“ – im Gegensatz zum Stück – komplett mit den langen Zähnen von Anfang bis Ende durch, und das absolut großartig und perfekt, deutlich, kraftvoll und stimmlich wie schauspielerisch ausdrucksvoll. Meine Bewunderung für diese großartige Leistung! Ich weiß nicht, ob es andere Sänger gibt, die so dermaßen gut mit diesen störenden Zähnen singen können – ER jedenfalls kann es! Und wie er es kann! Dass mir vor Ergriffenheit Tränen in die Augen traten, habe ich nur zweimal erlebt: als ich das Stück zum ersten Mal sah und dieses Lied zum allerersten Mal hörte – und an diesem Abend!

Nach dem wohlverdienten riesigen Beifall folgte die „Totale Finsternis“, im Duett mit Michaela Kovarikova. „Ein Meer von Gefühl’n und kein Land…“ – so ging es nicht nur mir, auch Kevin sang und spielte den zwischen Verlangen, Gier, Unglück und Beherrschung hin und her gerissenen Grafen genial und überzeugend. Das Lied endete mit einem langen, einem sehr langen Biss in „Sarahs“ Hals, so dass ich für einen Augenblick verwirrt war: Er saugt sie doch jetzt nicht wirklich aus?? – Aber nein, glücklicherweise war kein Blutstropfen zu sehen. Es war einer der Momente, in dem ich bewundern konnte, wie sehr sich Kevin in eine Rolle hineinversetzt, wenn er ein Lied daraus singt. Das sollte ich an diesem Abend noch zu mehreren Gelegenheiten erleben.

Nun folgten – Atempause für mich – zwei Lieder aus Elisabeth. „Der letzte Tanz“ mit Marc Seitz und „Wenn ich tanzen will“, letzteres im Duett mit Tabea Scholz. Es war schön, die vertrauten Lieder zu hören – aber die Sänger hatten es schwer, mich fesseln und packen zu können. Nicht verwunderlich nach vier Vorstellungen „Elisabeth“ in den letzten Wochen in Berlin, dem Erlebnis Pia Douwes/Uwe Kröger sowie mit Uwes Berliner „Tod“-Dernière noch frisch im Herzen und im Ohr.

Danach folgte „Der Sieger hat die Wahl“ aus „Mamma Mia!“, gesungen von Tabea Scholz und besonders schauspielerisch sehr gut interpretiert.
Es ging weiter mit einem Lied aus Tarzan: „For the first time“, gesungen von Michaela Kovarikova und Marc Seitz. Ein schöner, romantischer Song und mit einer eingängigen Melodie. Die beiden Interpreten haben sehr gut miteinander harmoniert.

Dann kam ein weiteres Highlight des Abends, eigentlich drei: nämlich drei Songs aus „We will rock you“.
Dazu sprang plötzlich ein rockig-hippimäßiges, flippig-wuselndes, herumtobendes und rockig-brüllendes Etwas auf die Bühne, mit langen Zottelhaaren, die Zotteln mit Perlen aufgehübscht, in stylishem Muskelshirt (das Shirt heißt nicht umsonst so, die Muskeln waren deutlichst zu sehen!) und im (karierten Falten-)ROCK!, die Arme und Beine verziert mit Nietenbändern: KEVIN ALS J.B.! – Kevin als „Jeanette Biedermann“!!! [Wer eine andere als die Kölner Fassung gesehen hat, muss sich jetzt ‚Kevin als Britney’ (Spears) denken] – gefolgt von Michaela Kovarikova im Rocker-Outfit.
„I want it all“, and I want it now!!! – YEAH, das wollten wir, Kevin rockend über die Bühne, runter von der Bühne in die erste Reihe, wieder hoch, tobend und hammermäßig singend im Duett mit „Ozzy“. Der Saal tobte vor Begeisterung und klatschte mit.

Danach Michaela Kovarikova mit „Only the good die young“. Zeit zur Beruhigung und um sich wieder zu fassen und die Überraschung durch Kevins Outfit zu verarbeiten.
Erst bei ihrem Solo wurde mir klar, dass ich sie bereits zweimal in dieser Rolle live in Köln gesehen habe. Nun wusste ich auch, weshalb mir ihr Name im Programmheft so bekannt vorkam. Sie sang es so gut wie damals 2005 in Köln, ich fühlte mich zurückversetzt in den Musical Dome.

Dann ging’s noch mal richtig ab. „Headlong“ mit den Rockern Kevin, Michaela, Marc Seitz und Tabea Scholz. Hoop diddy diddy - Hoop diddy do :-)))
DA war ich noch halbwegs zu halten (wie gesagt: halbwegs, denn wie ich später hörte, haben wohl die Sitze neben mir mitgewackelt, weil ich wenigstens auf dem Sitz mitrocken musste), später dann bei der Zugabe, als das Lied nochmals gesungen wurde, war ich nicht mehr zu bremsen ;-)

Auch „Headlong“ war leider irgendwann zu Ende; nun sollte Pause sein. Wir wollten keine Pause, ich jedenfalls nicht, und den anderen Zuschauern muss es ebenso gegangen sein. Denn ganz im Gegensatz zu sonstigen Vorstellungen erhob sich keiner vom Platz, um gleich hinauszurennen, alles blieb erstmal ein paar Sekunden sitzen, bis wir uns nach und nach dann doch aufrafften und einsahen, dass die Sänger auch mal eine kurze Erholungszeit brauchen.

Die Pause wurde, wie ich dann sah, nicht nur zur Erholung, sondern auch zum Umbau genutzt. Die Bühne war nun horizontal zweigeteilt mit einer oberen Bühne, und eine Treppe führte in den unteren Teil.

Der zweite Teil begann mit Marc Seitz, der „Heaven on their minds“ aus „Jesus Christ Superstar“ performte, dabei auf der oberen Bühne begann und später die Treppe herunterkam. In diesem Lied hat er mich sehr überrascht, denn das war alles andere als „brav, ordentlich und fehlerfrei gesungen“ – das war eine großartige Leistung, die er da ablieferte, und zwar gesanglich wie schauspielerisch. Eine wirklich mitreißende Darbietung – der heftige Applaus zeigte, dass er wohl alle Reihen „gepackt“ haben musste.

Im Programm folgte dann „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ aus „My Fair Lady“ mit Tamara Weimerich, die als neues Ensemblemitglied am Theater Magdeburg vorgestellt wurde.
Aus „Hair“ sang danach Tabea Scholz „Easy to be hard“, gefolgt von Marc Seitz, der mit „Your Song“ aus „Moulin Rouge“ die Steigerung seiner Leistung an diesem Abend beibehielt.

Nun war der letzte Block des Abends an der Reihe – vier Titel aus „Jekyll & Hyde“, was mich zwischen Freude auf diese schönen Lieder aus diesem tollen Musical und der Wehmut, dass der Abend schon fast vor seinem Ende steht, hin und her schwanken ließ.

Michaela Kovarikova begann mit „Jemand wie Du“. Ein späterer Blick in das Programmheftchen verriet mir, dass sie in Bremen und in Köln bereits als Lucy auf der Bühne gestanden hatte (und ich sie aus Köln also bereits in der Rolle kannte). Und so verwundert es nicht, dass sie das Lied wundervoll gesungen hat, mir war es im Zusammenhang mit dieser Stimme vertraut, wenn ich auch ab und zu an Maya Hakvoort denken musste. „Nur sein Blick“ im Duett von Michaela Kovarikova und Tamara Weimerich war ebenfalls sehr gut und sehr anrührend, hier konnte Tamara Weimerich noch viel besser ihre gesanglichen Leistungen zeigen als in der „Eliza“-Rolle vorher.

Und schon war ich mittendrin im „Gefährlichen Spiel“. Kevin sang und spielte zunächst auf der oberen Bühne Mr. Hyde, das böse, gefährliche und unberechenbare Monster, Michaela Kovarikova spielte unten die ängstliche Lucy, Böses ahnend, und dennoch sich nicht gegen das Verderben wehren könnend. Kevin trug einen dicken Fell-Mantel, das muss erwähnt werden, wie man später sehen wird.
Er sang so großartig, seine Faszination und gleichzeitige Gefährlichkeit, die er in Gestik und seinem Gesang ausdrückte, hat mir wirklich etwas Angst gemacht. Es sang und spielte so gut und überzeugend, dass ich, als er langsam und mit gefährlichem Blick die Treppe herunterkam, „Lucy“ am liebsten zugerufen hätte, sie soll sich nicht weiter auf ihn einlassen und fliehen – ich wusste ja, wie es im Stück enden würde. – Im Stück! Dass es allerdings auch auf dieser Bühne so enden würde, ahnte ich nicht. Die beiden spielten am Ende des Liedes noch die komplette Mord-Szene – es war gleichzeitig genial wie schockierend. Kevin legte also die Hände um Michaelas Hals und „erwürgte“ sie, mir schien es wie minutenlang, und es sah selbst aus der ersten Reihe so echt aus, und sie spielte die wimmernd Erstickende so überzeugend, dass es mir durch und durch ging. Und dann erwartete mich (und wohl nicht nur mich) eine weitere Überraschung des Abends. „Lucy“ war „tot“, das Lied sowieso längst zu Ende, aber Kevin signalisierte durch nichts, dass er nun ‚fertig’ wäre – im Gegenteil, es schien, als käme er gar nicht wieder aus der Rolle heraus. Er wankte über die Bühne, begleitet von tierisch-mordzufriedenen Schnauftönen, und der ganze Saal saß atemlos gebannt – niemand wagte es, zu applaudieren. Alle verfolgten sein Spiel. Nach einer Kurve endete er bei den Musikern, zog langsam seinen Mantel aus, immer noch den gefährlichen Mörder spielend, und legte ihn letztlich Rainer Roos (Dirigent am Theater, an diesem Abend auch Musiker und Moderator) um die Schultern, mit einem hydemäßigen, bösen und gleichzeitig triumphierendem Gelache, dass er den Saal so gepackt hatte: „Ha, ha, ha!“ Gelöst und begeistert brandete da erst der Applaus im Saal auf. Was für ein Erlebnis für mich! Das „Gefährliche Spiel“ von CD wird für mich nie wieder dasselbe sein, immer werde ich dabei nun an Kevin und sein glänzendes Spiel denken und daran, wie er uns alle „im Griff“ hatte, solange er es wollte.

Mit „This is the moment“ wurde nun das letzte reguläre Lied angestimmt, interpretiert – laut Programmheft - von Kevin Tarte UND Ensemble, aber ich kann mich nur an Kevin erinnern, das Ensemble habe ich bei diesem Lied überhaupt nicht registriert. Wie könnte es anders sein – auch hier hat er ergreifend und … wenn dieses Wort hier am rechten Platz ist … einfach nur bombastisch gesungen. Vom ruhigen Anfang bis zur triumphalen Steigerung großartig gesungen und dargestellt.

Nun sollte dieser Abend schon vorbei sein, denn alle Künstler formierten sich nun zum Schlussapplaus und nahmen das wohlverdiente laute und lange Klatschen und Trampeln des Publikums, die begeisterten Rufe nach Zugaben und Standing Ovations entgegen. Diesmal übertrug sich die Stimmung in umgekehrte Richtung - vom Publikum auf die Bühne. Allen Sängern war ein zauberhaftes Lächeln und Lachen ins Gesicht geschrieben, besonders Kevin lachte und strahlte in die Menge.

Lange ließen sie sich nicht bitten, und so sangen Michaela Kovarikova und Marc Seitz „Written in the stars“ aus „Aida“, ein wunderschönes, aber trauriges Lied über eine unmögliche Liebe.

Und wenn ich glaubte, das Großartigste an diesem Abend bereits erlebt zu haben, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Mich hat im Leben noch nichts so berührt, atemlos gemacht und komplett umgehauen wie dieses Erlebnis - Kevins Interpretation von „Engel aus Kristall“ („Drei Musketiere“). Diese Gestik, diese Stimmgewalt – mit unvorstellbarer Kraft, die dennoch mühelos schien, sang, nein schmetterte er dieses Lied bis unter die Theaterdecke. Da „zersprang nicht nur der Engel aus Kristall in hunderttausend Scherben und schnitt tief in (sein) Herz“, da bohrte sich auch Kevins Stimme und unglaublich gute Interpretation tief in meines. Ich wünschte, es gäbe eine Schrift, mit der man gesungene Töne aufschreiben und somit hörbar machen könnte. Leider gibt es die nicht. Und es gibt keine Worte, die das, was ich gehört, gesehen und durchlebt habe, beschreiben könnten. Ich höre ihn noch jetzt dieses Lied singen und sehe ihn vor Augen – seine Ruhelosigkeit und Verzweiflung, seine Qual, als „die Welt schwarz“ wurde, seine Hände in der Nähe seines Herzens, in das „die spitzen Scherben unaufhörlich hinein schnitten“ – und ich will hoffen, dass es für immer so unvergesslich in mir eingebrannt bleiben wird.

Danach sang und klatschte der ganze Saal bei „We will rock you“ mit – und dann wurde nochmals zu „Headlong“ gerockt. Der ganze Saal stand und war nicht mehr zu halten, ich jedenfalls war entfesselt und konnte es nicht beim bloßen Mitklatschen belassen, da musste gerockt, getanzt und abgefeiert werden.

Zum Schluss wurde so lange applaudiert, bis die Hände weh taten, immer und immer wieder haben sich die Künstler verbeugen müssen. Das vergleichsweise kleine Opernhaus Magdeburg erlebte an diesem Abend Künstler, ein Publikum und eine Stimmung, wie sie in einem riesigen Theater nicht gigantischer hätte sein können.

„This is the moment“ – Nein, dies war nicht die Stunde, dies waren zweieinhalb Stunden unvergessliches Highlight mit (ohne das Ensemble vergessen zu wollen, vor allem aber) einem großartigen, mitreißenden, charismatischen, BRILLANTEN Sänger und Schauspieler Kevin Tarte, dem all meine Bewunderung für seinen Gesang, seine Stimmgewalt, seine Wandlungsfähigkeit, sein überzeugendes Spiel, sein „Die-Rolle-leben“ gehört. Was für ein großartiger Künstler, und was für ein Erlebnis, ihn live zu sehen und zu hören, und nicht zuletzt seine Freundlichkeit jedem gegenüber zu erleben, der ihm persönlich begegnet – wow!!!

Letzte Aktualisierung ( Montag, 22. September 2008 )
 
< Zurück   Weiter >