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Gefühlte Dauer der Vorstellung: eine Stunde, höchstens. In Wirklichkeit waren es, die Pause eingeschlossen, drei. (Draa-heiii! in der Berliner Version, wobei der neue, alte Professor mit deutlichem Wiener Einschlag eher „dreiiiiiiii“ singsangt und das „i“ dabei immer höher quietscht, je länger es wird). So rasend schnell wie an diesem Samstagnachmittag (15. November) wurde ich jedenfalls noch nie vom Wirthaus voller Knoblauch in den Tanzsaal seiner Exzellenz, des Grafen von Krolock, befördert. Und schon erklang das Finale einer tollen Vorstellung mit vielen Überraschungen, die ich hier in Oberhausen von einem Traumplatz aus, in der Mitte der ersten Reihe, genießen durfte – und die wie gesagt viel zu schnell wieder vorbei war.
Aber nun ein Sprung zurück, ganz an den Anfang, in die Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung. Es lohnt sich, wenn man die Möglichkeit hat, das Geschehen im Orchestergraben zu beobachten. Die Musiker treffen nach und nach ein, begrüßen sich, und beim Einspielen erkennt man hier und da Takte aus dem Stück, aber auch spanische Weisen bis hin zu wilden Flamenco-Klängen des Gitarristen, der dazu auch die passende Mimik auflegt. Mit Begeisterung erblickte ich Marina Kommissartchik höchstpersönlich an einem der Keyboards, elegant gekleidet und mit einem wunderschönen, großen und blitzenden Notenschlüssel-Anhänger an ihrer Halskette. – Es kann nur traumhaft klingen, das Orchester, heute. Andere dehnten ihre Arme und Schultern, als müssten sie gleich im Ensemble tanzen. Drei (wirklich dreiiiiii!) Minuten vor Beginn der Vorstellung waberte nicht nur Nebel stimmungsvoll durch den Zuschauerraum des traumhaft schönen Theatersaals, auch an der Beleuchtung eines Notenpults wurde noch geschraubt, während Klaus Wilhelm, der Dirigent des Abends, per Telefon übermittelte, wer heute welches Instrument spielt.
Und dann wurde es dunkel im Saal, und es hieß wieder „… und tauchen Sie mit uns in die Dunkelheit ein!“ Die ersten Töne der Ouvertüre erklangen. Es ging los. Ich war mittendrin. Wahnsinn. Diese tolle Atmosphäre, die gewaltige Musik, der Mond, das Schloss und die flatternden Fledermäuse auf dem Projektionsvorhang – es ist einfach immer wieder unglaublich, das zu erleben, wenn man dieses Stück und diese Musik so liebt wie ich. Endorphine pur. – Und nur noch eine gute Viertelstunde bis zu Kevins Auftritt…
Doch zunächst suchte Alfred (ein großartiger Krisha Dalke, neben Kevin (natürlich) die Überraschung des Abends für mich) im dunklen Wald ängstlich nach dem Professor und schleppte ihn ins Wirtshaus. Und da war wieder was los, die Dorfbewohner sangen, tobten und tanzten auf den Tischen, als ob sie sich den ganzen Tag schon darauf gefreut hätten, und welch vertrauter Anblick waren Jerzy Jeszke als Chagal und Jacub Wocial als Dorftrottel. Nun wurden die Knoblauchketten in einem großen Korb herein getragen, alle bedienten sich aus dem Korb und hängten sich die Ketten also erst in der Szene um, was für noch mehr Aktionsmöglichkeiten sorgt und insgesamt den Eindruck ausgelassener Stimmung verstärkt.
Und weiter ging’s. Der Professor (herrlich witzig: Gernot Kranner) taute langsam auf (erste leise Lacher im Publikum), Alfred starrte auf Magdas (Linda Konrad) Dekolleté, Chagal hieß die Gäste willkommen im „ersten Hotel am Platz“, lud sie zum Bleiben ein und führte sie in ihre „Luxus-Suite“ samt angeschlossenen „hochmodernem Badezimmer“. Sarah wurde wie bekannt aus der Wanne gejagt und verschwand in ihrem Zimmer. – Noch ungefähr sechs, sieben Minuten bis zu Kevin…
Großartig: das Timing vor „Eine schöne Tochter ist ein Segen“. Alfred bückte sich mit dem Schwamm in der Hand gerade in Augenhöhe zum Schlüsselloch, um in Sarahs Zimmer zu blicken, genau in dem Moment erschien Chagal mit dem Brett und schob es direkt zwischen Alfreds Gesicht und das Schlüsselloch. Einfach köstlich, diese kleine Szene, besonders zusammen mit Alfreds leicht verwirrt-enttäuschter Reaktion.
„Eine schöne Tochter ist ein Segen“. Richtig, meine saß ja neben mir, und ich nutze dieses Lied immer gern für mahnende Blicke in ihre Richtung, zustimmendes Nicken zu Chagals Worten und die zweifelnde Handbewegung am Ende: „Ein Segen? Na …mmh ...“, so auch diesmal. In der Zwischenzeit zog sich der Professor umständlich und mit Alfreds Hilfe aus, legte sich ins Bett und machte auch diesen wunderbaren Handkantenschlag links und rechts die Bettdecke entlang. Sehr lustig war auch, wie Alfred die Nachtmütze des Professors aus der Tasche holte, begutachtete und dann erst einmal ordentlich abstaubte, bevor er sie dem Professor reichte.
Es folgte „Nie geseh’n“. (Jetzt ist Kevin auf dem Weg zur Saaltür.) Der schwer verliebte Alfred schwärmte von Sarah (Nele-Liis Vaiksoo), die ebenfalls beseelt an Alfred dachte, oben, im hier etwas spartanischer als früher eingerichteten Wirtshaus, schlich sich Chagal zur nähenden Magda, was unten den Professor aufschreckte, Rebecca (Eva Maria Bender) schlug nach seiner Rückkehr die Salami auf Chagals Kopf, und langsam zog wieder Ruhe ein, nur Alfred und Sarah sangen noch – und bekamen nur unsere Hinterköpfe zu sehen, denn wir starrten längst in die entgegengesetzte Richtung: – Kevin betrat den Saal.
Sagte ich Kevin? Nein, der Graf betrat den Saal! Es war sehr dunkel, und man musste zunächst schon sehr genau hinschauen, um die Gestalt erkennen zu können. Er schritt die obere Treppe herab und dann langsam und erhaben den langen Mittelgang entlang, wobei er ab und an mit einer leichten, eleganten Armbewegung einen Gruß ins Publikum andeutete. Es ist sehr schön zu sehen, wie das an den Außenplätzen am Gang sitzende Publikum reagiert, wenn er gerade vorbeigegangen ist. Die Hälse sind gereckt, die Münder stehen offen, die Blicke wie gebannt auf dem Rücken des Grafen.
Langsam ging er auf die Bühne, während „Gott ist tot“ begann, dann bis zur Mitte, stand dort mit dem Rücken zum Publikum und breitete mit den Armen langsam seinen Umhang aus. In diesem Moment wirkte er wirklich wie eine Fledermaus. „Jahrelang war ich nur Ahnung in dir. Jetzt suchst du mich und hast Sehnsucht nach mir. Nun freu dich…“ – Muss man dazu noch etwas sagen? Er stand geradewegs vor unseren Plätzen, und als er sich mit einem Ruck umgedreht hatte und sang „Gott ist tot!“, fixierte er genau uns mit seinen Augen. Es war unbeschreiblich. Meine Tochter und ich, wir wurden förmlich in die Sitze gedrückt in dem Moment, wir haben uns spontan an den Händen gepackt und zugepresst, irgendwo mussten die Emotionen hin. Atemlos, mit Gänsehaut, folgten wir seinem Gesang. Und so schnell war es vorbei, der Graf schloss den Umhang und ging mit einem letzten Blick in den Mond, den man einfach nicht in Worte fassen kann. Applaus begleitete ihn nach draußen.
Der Wintermorgen brach an, „Alles (war) hell“, Gernot Kranner sang seine schnellen, zungenbrecherischen Parts ganz wunderbar und mit ab und an leicht wienerischem Akzent, was natürlich sehr lustig war, wenn man daran dachte, dass der Professor ja angeblich „aus Königsberg“ stammen sollte. Trotz Szenenapplaus hielt sich das Publikum für meinen Geschmack sehr zurück – ich vermute, viele waren Erstbesucher, die sich noch nicht so recht trauten, ihrer Begeisterung etwas freieren Lauf zu lassen an Stellen wie hier, wo man das durchaus kann.
Nun begegneten sich Alfred und Sarah im Bad. Wie das ganze Stück über, war es eine helle Freude, Krisha Dalke als Alfred zu erleben. Er hat die ganze Zeit glänzende Augen, ein beseeltes Lächeln um den Mund und ein Strahlen im Gesicht; man sieht ihm einfach an, wie viel Freude es ihm macht, auf der Bühne zu stehen. Es wirkt fast, als könne er sein Glück immer noch nicht fassen, diese Rolle spielen zu dürfen.
Einen kurzen Augenblick später schon kam „unser“ Graf mit einem Donnern durch die Tür geflogen, um die badende Sarah zum Ball einzuladen. Bei diesem Grafen mit seiner tollen Stimme und seiner Gestik, so einer insgesamt lockenden, machtvollen und charismatischen Ausstrahlung wundert es mich, dass Sarah es fertig bringt, in der Wanne sitzen zu bleiben und ihm nicht direkt in die Arme zu springen…
Koukol (Stefan Büdenbender) kam nun durch den Saal geeilt und brachte Sarah das Bündel mit den Tanzstiefeln für den Ball, Alfred und Sarah sangen ihr Duett „Draußen ist Freiheit“, Sarah machte sich auf den Weg zum Schloss, Chagal versuchte sie zurückzuholen und wurde gebissen, worauf sich der Professor freute, dass seine „Thäääääse“ der Wahrheit entspricht, Magda sang zunächst ihr „Tot zu sein ist komisch“ und wurde dann Opfer von Chagal, der Professor und Alfred machten sich zusammen mit Chagal auf den Weg zum Grafen und landeten letztlich…
„Vor dem Schloss“. Wo und wie die Vampire vor der Szene das Publikum erschrecken, soll noch eine Überraschung bleiben. Soviel aber: Der Anblick ist einfach nur gigantisch wie die ganze Choreographie dieser Szene, und das Licht unterstreicht die fantastische Wirkung – es ist unbedingt empfehlenswert, Alfred und den Professor vor dem Schloss stehen zu lassen, sich umzudrehen und die grandiose Szenerie zu genießen.
Ein äußeres Schlosstor konnte nicht mit lautem Krachen hoch rollen, da es am Tag dieser Vorstellung defekt und auf der Bühne gar nicht vorhanden war. So befand sich hinten in der Mitte der Bühne nur das Tor, das am Ende der Szene geschlossen wird, flankiert von ein paar Säulen aus dem Tanzsaal. Es mutete daher schon ein bisschen merkwürdig an, als der Professor und Alfred das „prächtige Anwesen“ bewundern wollten. Kevin, nein, seine Exzellenz, der Graf, stand plötzlich majestätisch vor seinem Schloss, als wäre er aus dem Boden gekommen. Was für eine tolle Szene – leider wurde sie insgesamt gekürzt, meiner Meinung nach brutal und unnötig.
Immer, wenn Kevin singt, merkt man, dass er die Rolle an sich absolut beherrscht, so dass er sich ganz auf Feinheiten in seiner Mimik, den Ausdruck seiner Augen und die vielen kleinen, sehr besonderen Gesten konzentrieren kann. Leider kann man die vielen Einzelheiten, die im Zusammenspiel eine große Wirkung haben, so schwer mit Worten beschreiben. Bei „Zukunft ist Vergangenheit und Gegenwart ist Fluch“ zum Beispiel hat er den Arm erhoben und deutet mit einem Finger in einer winzigen, kaum wahrnehmbaren Bewegung nach vorn (Zukunft ist) und hinten (Vergangenheit) – aber immer so, dass es zwar seinen Gesang unterstreicht, aber eben nicht übertrieben ist, sondern gerade noch wahrnehmbar, was insgesamt aber die Wirkung unterstreicht. Bei „Von der Krankheit der Traurigkeit kann es keine Erlösung geben…“ schaut er versonnen in den Nachthimmel, macht eine Pause und murmelt dann mit leichtem Nicken zu sich selbst „Ja…“ (’so ist es wohl’), lässt noch zwei Sekunden vergehen, wendet sich dann erst seinen Besuchern zu, um wieder eine kleine, wirkungsvolle Pause einzulegen, bis umso plötzlicher dieses gruselige Lachen kommt. Man erwartet etwas, was in dem Moment aber nicht kommt, und wenn man gerade unruhig werden will – da wird man von ihm gepackt, was je nach Situation Überraschung oder Erschrecken auslöst. Er ist eben nicht nur ein wunderbarer Sänger, sondern auch ein großartiger Schauspieler. Bei „Genial – ich war gefangen“ verzieht er eben nicht den Mund bei „gefangen“, sondern gaukelt zunächst Wahrhaftigkeit vor, um dann aber auf des Professors „Das freut mich, denn bei mir zu Haus werd’ ich meist übergangen“ genau diese überhebliche Mundwinkel-Hochzieh-Bewegung zu machen, die man eigentlich bei „gefangen“ erwartet hatte. Somit sagt er quasi: ’Das wundert mich nicht, du Trottel!’ und bringt damit auch hier eine ganz eigene Interpretation ein. Auch das ist die Kunst eines Kevin Tarte: Er sagt ganze Sätze, die es nur im Kopf des Zuschauers gibt – allein mit den Augen und seiner Mimik.
Wundervoll auch der interessierte Blick auf Alfred bei seiner Vermutung, dass er „gewiss einen Studenten“ vor sich hätte. Ohne den Kopf zu bewegen, schätzt er Alfred mit einem langsamen Blick von oben nach unten und wieder zurück ab. Wäre ich an Alfreds Stelle, ich würde nur so erschauern.
Herrlich auch sein pseudo-rumänisches Kauderwelsch zu Koukol, das er in aller Ruhe zelebriert und regelrecht auskostet, bevor er ihn mit „Muschniggi!“ an die Arbeit jagt, und sein anschließendes Augenrollen, dass er hier (im besten Falle von Herbert abgesehen) anscheinend nur von Trotteln umgeben ist und sich mit so einem Gesindel abgeben muss.
Dann hat der Graf alle dort, wo er sie haben möchte – in seinem Anwesen – und schließt das Tor.
Im zweiten Akt, der mit der „Totalen Finsternis“ beginnt, steht der Graf bereits von Anfang an oben auf der Treppe und beobachtet Sarah, die durch den Tanzsaal läuft. Es ist ganz toll anzusehen, wie er sie mit seinen Augen verfolgt, sich hin und wieder etwas über das Geländer beugt, mal interessiert, mal gierig, mal fast schmachtend, bis sein Einsatz kommt und er die Treppe langsam heruntersteigt. Er hat einfach unglaublich gut gesungen und noch toller den drohenden, leidenden, gierigen und mühsam beherrschten Vampirgrafen gespielt. Als er Sarah am Ende beinahe biss, holte er so kraftvoll aus und riss den Mund so weit auf, dass ich dachte, er schafft es nicht, sich zu beherrschen – und stoppte gerade noch so einen Millimeter vor Sarahs Hals.
Dann tanzten die Vampire in Alfreds nächtlichem Alptraum, Alfred sprach sich mit leuchtendem Gesicht und einem toll gesungenen „Für Sarah“ selbst Mut zu und folgte dem Professor in die Gruft. In der Gruftszene wagte das Publikum endlich wieder ein paar verhaltene Lacher – kein Wunder, der Professor hat aber auch alles dafür getan, dass das Publikum reagieren musste. Dann begeistern die Bücher in der Bibliothek den Professor, und Alfred trifft auf Sarah, die wieder ihrem Hobby, dem Baden, frönt, bevor er sich plötzlich wieder in der Bibliothek findet und auf den „Ratgeber für Verliebte“ stößt.
Herbert (Florian Fetterle) lockt ihn mit einem fast opernhaften „ah-ah-ah“ ins Bad und beginnt sein Tänzchen mit dem verwirrten, nervösen und ängstlichen Alfred. Die beiden sind köstlich in der Szene, Herbert singt bei „Du hast einen süßen Popo“ mindestens fünf Ausrufezeichen mit, und auf „…und Deine Augen“ reagiert Alfred mit„Ja?“, aber er fragt es nicht, sondern ruft es vor Entsetzen eher: „Ja!“, doch Herbert lässt sich nicht beirren und bezirzt ihn weiter. Alfred reißt sich los und läuft durch den Saal, wo Herbert am Ankunftsort schon mit gespitztem Mündchen wartet und dann sehr hübsch kichert, als Alfred ihn bemerkt: „Ähähihi“.
Nachdem der Professor ihn vor dem wild gewordenen Herbert errettet hat, stehen die beiden nun auf den Zinnen, fühlen sich „todsicher“ und versuchen, dem Grafen zu drohen. Diesem Grafen zu drohen! – wie verrückt muss man sein. Kevins Stimme donnerte gewaltig auf die beiden ein – und seine ganze Erscheinung, Mimik und Gestik demonstrierte nur eins: Überlegenheit. Von so hoch oben auf der Bühne wirkt er einfach noch gigantischer, und man duckt sich unwillkürlich in den Theatersessel. Besonders wenn er verschwindet und seine Stimme dann aus allen Richtungen ins Theater hallt, macht sich eine Mischung aus Grusel, Gänsehaut und dennoch einer starken Anziehung breit.
Dann kriechen die Untoten aus ihren Gräbern, um sich ins Schloss zum Ball des Jahres zu begeben, zunächst noch beobachtet vom Professor und seinem Assistenten, denen es dann aber offenbar doch zu gefährlich wird, so dass sie besser das Weite suchen.
Und dann singt der unglückliche und traurige Graf seine „Unstillbare Gier“. Gerade diese Szene würde ich so gern ausführlich beschreiben, und kann doch kaum Worte finden. Kevin singt „Die unstillbare Gier“ – das sagt alles. Jeder, der ihn einmal mit der „Gier“ gehört hat, kann vielleicht erahnen, wie wir das erlebt haben. Wieder ein Augenblick, indem wir uns an den Händen packten und sie so zusammendrückten, dass wir in jeder anderen Situation wahrscheinlich vor Schmerz aufgeschrieen hätten. Er war einfach unglaublich. Sein Gesang, seine Bewegungen, sein schmerzvoller Gesichtsausdruck, die ganze Gestalt drückte sein Unglück aus, am Schluss dann seine Prophezeiung in einer Mischung aus innerer Qual und Drohung nach außen – es stockte einem förmlich der Atem. Aus dem Publikum waren danach nicht nur lauter Applaus, sondern deutliche Begeisterungsrufe zu hören, die natürlich auch von uns ergänzt wurden.
Dann waren wir im Ballsaal angekommen. Die Vampire ebenfalls, und der Professor samt Alfred schlüpften in ihre Verkleidungen und mischten sich unter die Ballgäste. Ich starrte nur nach oben, und dann erschien ER auf der Treppe. Wie bei der „Totalen Finsternis“ und auf den Zinnen – was für ein Anblick, wenn er dort oben steht, der Graf. Diese Eleganz, diese Erhabenheit, diese Präsenz! Aber natürlich wollte ich ihn lieber unten direkt vor mir auf der Bühne haben, und er kam die Treppe herunter, kündigte seinen ganz besonderen Ballgast an und bat Sarah, die in freudiger Erwartung von der Treppe lächelte, neben sich.
Und dann war es so toll. Ein Ruck an Sarahs Arm, ein Heranzerren, ihren abwehrenden Arm nach unten gedrückt, ihre Schulter zurückgestoßen, in seinen Augen Begierde und Unglück gleichzeitig, ein weites Ausholen mit dem Kopf, und er schlug seine Zähne in Sarahs Hals. Endlos und doch so schnell vorbei. Danach sein Gesichtsausdruck – eine Mischung aus Selbst-Überraschung, Schock über seine Tat und Genuss – all das in einer Sekunde. Das Blut spritzte in hohem Bogen wie pulsierend aus seinem Mund, und Reste tropften noch eindrucksvoll auf sein Kragentuch. Was für ein Anblick – faszinierend und gleichzeitig schockierend. Dann eine elegante Tupfbewegung mit seinem spitzenbesetzten Tüchlein, ein Wisch, und die Spuren seiner Tat waren nicht mehr zu sehen – nicht mehr um seinen Mund, auf dem Kragen und an Sarah schon. Das Menuett wurde elegant getanzt, als wenn nichts gewesen wäre, und gegen Ende sorgte ein kleiner Zusammenprall mit seinem Sohn für eine ungehaltene Zurechtweisung: „Herbert!“
Wie sollte es anders sein – der große Spiegel im Ballsaal verriet, dass die Vampire nicht allein unter ihresgleichen waren, und Alfred ging, nicht ganz überzeugend mutig, mit dem Kerzenleuchter auf den Grafen los, der darauf überheblich lachte und sich amüsiert mit einem Seitenblick an Herbert wandte: „Ha ha, hast Du das gesehen?“ Dann, zu Alfred gewandt, eine kleine Pause mit einem durchbohrenden Blick und das plötzliche „Buh!“
Und der Rest raste schnell vorbei – das Kreuz aus den Kerzenleuchtern, das Entsetzen des Grafen, das einstürzende Schloss und die Flucht von Abronsius, Alfred und Sarah. Sarahs Verwandlung und ihr Biss in Alfreds Hals. Kaum gebissen, wollte sich Alfred auf der Stelle wie wild geworden auf den Professor stürzen und musste von Sarah zweimal mit aller Kraft zurückgerissen werden.
Und das grandiose Finale, in das sich schon die Begeisterung des Publikums mischte sowie der Schlussapplaus, in dem wir – natürlich stehend – alles gaben und die um uns stehenden Besucher mitrissen. Alle Darsteller bekamen riesigen Beifall, aber natürlich sorgten wir dafür, dass vor allem Kevin (seine Verwandlung vom finsteren Grafen in den strahlenden Kevin beim Schlussapplaus ist einfach faszinierend) unseren Applaus für ihn und unsere begeisterten Bravo-Rufe weder übersehen noch überhören konnte. Ich wünsche mir, dass es noch lange in seinen Ohren und im Herzen geblieben ist, wie sein großartiger Graf von Krolock in uns.
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